Veröffentlicht von den Radical Life Studios / MTB Report
Erst hieß es: Aus ab 2027. Dann haben wir bei der Gemeinde Biberwier direkt nachgefragt und die Antwort des Bürgermeisters zeichnet ein anderes Bild als die Schlagzeilen der letzten Wochen. Der Blindsee Trail ist nicht tot. Er steht unter Bedingungen. Eine Spurensuche zwischen einem zwölf Jahre alten Vertrag, einer absurden Pflegeklausel und einer Lösung, die im selben Tiroler Bezirk längst funktioniert.
Wenige Trail-Nachrichten haben die deutschsprachige Bike-Szene zuletzt so bewegt wie diese: Der Blindsee Trail in der Tiroler Zugspitz Arena, seit 2014 eines der Aushängeschilder der Region rund um Lermoos und Biberwier, soll ab 2027 für Mountainbiker geschlossen werden. Rund 8,2 Kilometer, etwa 710 Höhenmeter bergab, Naturtrail-Charakter und am Ende der türkisblaue Blindsee als Belohnung – ein Klassiker, den viele genau jetzt noch schnell unter die Stollen nehmen wollen. In den Foren überwog dabei nicht Wut, sondern Ratlosigkeit: Warum war keine gemeinsame Lösung möglich?
Wir wollten es genauer wissen – und haben dort gefragt, wo die Entscheidung gefallen ist: bei der Gemeinde Biberwier. Bürgermeister Harald Schönherr hat uns ausführlich geantwortet. Seine Schilderung rückt einiges zurecht, was bisher öffentlich kursierte. Und sie zeigt: Das, was alle „Sperrung“ nennen, ist in Wahrheit etwas anderes.
| Die „Sperrung“ ist in Wahrheit ein Ultimatum mit Überlebensklausel und genau darin liegt die Chance. |
Was bisher erzählt wurde – und was die Gemeinde jetzt sagt
Die bisherige Lesart war schnell erzählt: Ein einstimmiger Gemeinderatsbeschluss, Schluss ab 2027, dahinter Druck von Jägern und Grundbesitzern. Das stimmt in Teilen – greift aber zu kurz. Denn nach Darstellung des Bürgermeisters ist die Entscheidung kein bequemer Schlussstrich, sondern das Ergebnis eines Konflikts, der sich über Monate aufgebaut hat und an dem die Gemeinde selbst nach eigener Aussage zu vermitteln versuchte.
Der Reihe nach: Im August 2025 traten zwei Akteure an die Gemeinde heran, die in Österreich enormes Gewicht haben – die Gemeindegutsagrargemeinschaft Biberwier als Grundeigentümerin und die Jagdgenossenschaft. Beide hatten einstimmige Beschlüsse gefasst, die auf eine Schließung hinausliefen. Eine Gemeinde folgt solchen Beschlüssen der Grundeigentümer; sie kann sich nicht einfach darüber hinwegsetzen. Damit war der Druck im System – und die Gemeinde saß zwischen den Stühlen.
Der wahre Kern: ein Vertrag aus einer anderen Zeit
Der eigentliche Knackpunkt ist ein Vertrag, der vor rund zwölf Jahren geschlossen wurde, also aus einer Zeit, in der sowohl die Zahl der Wanderer als auch die der Biker am Blindsee einen Bruchteil der heutigen betrug. Aus Sicht der Gemeinde liegt in diesem alten Papier zu viel Risiko bei ihr selbst und vor allem bei der Grundeigentümerin. Ein Vertrag, der die Realität von 2014 abbildet, passt schlicht nicht mehr auf einen Trail, der heute zu den meistbefahrenen Naturstrecken der Alpen zählt.
Das ist ein Punkt, den man als Bike-Medium ehrlich anerkennen muss: Wenn Haftung, Pflegepflichten und Risiko ungleich verteilt sind, ist der Ruf nach einem neuen Vertrag keine Schikane, sondern nachvollziehbar. Die Frage ist nur, ob man einen schlechten Vertrag kündigt, um ihn durch einen besseren zu ersetzen – oder ob man ihn kündigt und damit den Trail gleich mitbeerdigt.
Die S5-Falle – eine Klausel, die den Verfall belohnt
Eine Stelle in diesem Vertrag verdient besondere Aufmerksamkeit, weil sie erklärt, warum sich am Zustand des Trails über Jahre so wenig getan hat. In dem Papier steht sinngemäß, der Weg sei so instand zu halten, dass er der Schwierigkeitsstufe S5 entspricht. Was harmlos klingt, ist in Wahrheit ein Anreiz mit Sprengkraft.
Kurz zur Einordnung für alle, die nicht täglich in Skalen denken: Die Singletrail-Skala bewertet, wie technisch schwer ein Weg zu fahren ist – von S0 (locker, fester Untergrund, keine Hindernisse) bis S5 (das obere Extrem: verblocktes Gelände, lose Steine, enge Spitzkehren, hohe Absätze). S5 gilt selbst für sehr gute Fahrer als kaum noch fahrbar. Übertragen auf eine Pflegeklausel heißt das: Je weniger am Weg gemacht wird, je rauer und verfallener er bleibt, desto sicherer behält er sein S5-Niveau. Wer pflegt, riskiert, die vertraglich verlangte Schwierigkeit zu unterschreiten.
| Je schlechter der Weg gepflegt wird, desto sicherer bleibt die Schwierigkeitsstufe S5. Ein Vertrag, der den Verfall belohnt. |
Auf einem reinen Bike-Trail mag das verschmerzbar sein. Auf einem Weg aber, den sich Biker und Wanderer teilen – und der Blindsee mit seinem beliebten Rundweg ist genau so ein geteilter Weg, wird diese Logik zum Problem. Ein bewusst rau gehaltener Trail ist für Fußgänger unattraktiv und im Zweifel gefährlich. Die Klausel, die einmal für klare Verhältnisse sorgen sollte, arbeitet heute gegen das Miteinander. Das ist keine böse Absicht einer einzelnen Partei – es ist ein Konstruktionsfehler aus einer anderen Zeit.
Die eigentliche Lücke: Wer hält den Weg?
Um zu verstehen, warum sich niemand richtig kümmert, muss man wissen, wie legales Biken in Tirol überhaupt organisiert ist. Seit 1997 läuft hier das „Mountainbike-Modell“ des Landes, und kaum eine Region hat es so konsequent umgesetzt wie die Zugspitz Arena. Das Prinzip: Grundeigentümer geben ihre Wege per Nutzungsvertrag fürs Radfahren frei, ein Vertragspartner – ein Tourismusverband oder eine Gemeinde, übernimmt dafür die Haftung, und das Land legt eine Versicherung darüber, die das Risiko abfedert. Zum sogenannten Wegehalter, der zentralen Figur in der Haftungs- und Pflegefrage, wird dabei derjenige, dem der Vertrag die Instandhaltung überträgt.
Im Fall Blindsee ist das laut Gemeinde der Tourismusverband. Vertraglich zeigt der Finger also dorthin und doch greift es zu kurz, allein den Verband oder den Liftbetreiber verantwortlich zu machen. Denn das Land Tirol stellt selbst klar: Es koordiniert das Modell, baut und pflegt aber nichts. Die Umsetzung von Routen, Singletrails und Bikeparks ist Sache der Gemeinden, Tourismusverbände und Seilbahnen vor Ort. Und das Geld im System ist knapp und zielt auf den Grundeigentümer, nicht auf die eigentliche Handarbeit am Weg: Das Land fördert die Entschädigung für die Eigentumseinschränkung mit etwa 20 bis 30 Cent pro Laufmeter und Jahr, ein Betrag, der die Belastung des Grundbesitzers abgelten soll, aber keine echte Trailpflege finanziert.
Genau hier liegt der Kern, den die öffentliche Debatte übersieht. Der Blindsee Trail ist kein reiner Bikepark-Weg. Man erreicht den Einstieg zwar über den Bikepark Lermoos, doch der Trail führt aus dem Park hinaus und endet unten am See, im Raum der Allgemeinheit, nicht im Zuständigkeitsbereich einer einzigen Bahn. Ein solcher Weg braucht einen Kümmerer, der über Liftgrenzen hinausdenkt. Eine schlagkräftige ehrenamtliche Struktur, einen Verein, der Pflege, Besucherlenkung und Konfliktprävention übernimmt, gibt es vor Ort bisher nicht. Das ist die wahre Lücke – und, wie sich zeigt, die wahre Chance.
Die Stelle, an der das öffentliche Bild kippt
Jetzt der Punkt, der die ganze Geschichte dreht. Der Gemeinderatsbeschluss ist kein „Aus ab 2027“ im Sinne eines endgültigen Schlussstrichs. Nach allem, was uns vorliegt, kündigt er den alten Vertrag, verbindet das aber ausdrücklich mit einem Bekenntnis zur Weiterführung des Trails. Die Bedingung: Die Tiroler Zugspitz Arena soll gemeinsam mit einer Abordnung des Gemeinderats ein Projekt erarbeiten, das die Situation am Blindsee verbessert – über den gesamten Abschnitt von der Grubiglecka bis zum Blindseeeck – und es soll ein neuer, zeitgemäßer Vertrag entstehen.
Im Klartext: Der alte, fehlkonstruierte Vertrag wird beendet. Aber die Tür für den Trail bleibt offen, sie ist nur an Hausaufgaben geknüpft. Die „Sperrung“, über die alle berichtet haben, ist in Wirklichkeit ein Ultimatum mit eingebauter Überlebensklausel. Der Bürgermeister selbst sagt, er gehe heute nicht davon aus, dass am Ende tatsächlich geschlossen wird. Das ist eine völlig andere Tonlage als „Reißleine gezogen, Ende der Geschichte“.
Wichtig bleibt die Fairness in alle Richtungen: Schönherrs Schilderung, in den vergangenen Monaten sei zu wenig Brauchbares zurückgekommen, ist seine Sicht der Dinge. Die Gegenseite, der Tourismusverband Tiroler Zugspitz Arena, hat sich öffentlich klar für den Erhalt des Trails ausgesprochen und arbeitet nach eigenem Bekunden daran, die Stilllegung zu verhindern. Wir haben auch dort um eine Einordnung gebeten und werden sie nachreichen. Wer am Ende wie viel beigetragen hat, ist für die Lösung zweitrangig. Entscheidend ist, dass beide Seiten dasselbe Ziel verfolgen: Der Trail soll bleiben.
Wo die Lösung schon wartet
Fügt man die Teile zusammen, ergibt sich ein überraschend positives Bild. Erstens: Es gibt ein politisches Bekenntnis zur Weiterführung – schwarz auf weiß im Beschluss. Zweitens: Eine technische Lösung für den größten Streitpunkt, die Trennung von Wanderern und Bikern am See, gilt nach Gesprächen der Gemeinde und der Grundeigentümer mit dem Forstamt als machbar. Drittens: Die Gemeinde investiert nachweislich in ihre Infrastruktur, neue Asphaltdecke, Aufwertung am Blindsee, Parkplatzumbau mit Aussichtsfläche. Das ist keine Gemeinde, die den Tourismus loswerden will. Es ist eine Gemeinde, die einen alten Vertrag loswerden will.
Und jetzt das stärkste Argument von allen – denn die fehlende Struktur, der Kümmerer über Liftgrenzen hinweg, muss nicht erst erfunden werden. Im selben Tiroler Bezirk, im Außerfern rund um Reutte, hat ein ehrenamtlicher Bike-Verein vor kurzem vorgemacht, wie es geht: Mit der vielbeachteten Trailarea Urisee entstand dort das erste komplett von einem Verein errichtete Trailbau-Projekt in ganz Tirol, heute für alle kostenlos befahrbar. Bemerkenswert ist nicht nur das Ergebnis, sondern wer dafür an einem Tisch saß: die Marktgemeinde, die örtliche Agrargemeinschaft, zahlreiche freiwillige Helfer, der regionale Tourismusverband und das Land Tirol mit seiner Förderung.
| Die Blaupause für die Rettung des Blindsee liegt im selben Bezirk – ehrenamtlich gebaut, mit allen an einem Tisch. |
Man muss diesen Satz sacken lassen, weil er genau den Knoten löst, an dem Biberwier hängt: Dort gelang es, sogar eine Agrargemeinschaft als Partnerin zu gewinnen – jene Hürde, die am Blindsee aktuell als unüberwindbar gilt. Es ist also kein frommer Wunsch, sondern bewiesene Praxis, dass Grundeigentümer, Gemeinde, Tourismus und eine organisierte Bike-Community gemeinsam einen Trail tragen können, der allen gehört. Was am Blindsee fehlt, ist nicht der gute Wille und nicht die Machbarkeit. Es fehlt der verlässliche Partner auf Biker-Seite, der die Hand hebt und sagt: Wir kümmern uns. Die Region hat gezeigt, dass sie genau so einen Partner hervorbringen kann.
Dazu passt ein Angebot, das von der Community selbst ausgehen kann: ein „Trail-Kodex Blindsee“, eine freiwillige Selbstverpflichtung der Fahrerinnen und Fahrer. Schieben oder Schritttempo im sensiblen Bereich des Rundwegs und am See, Gruß statt Klingel im Vorbeifahren, Zurückhaltung zu den Badestoßzeiten. Das ist kein Forderungskatalog an die Gemeinde, sondern ein Signal: Wir tun unseren Teil. Genau das verwandelt ein „die halten sich eh an nichts“ in ein „die sind Teil der Lösung“ – und nimmt Agrargemeinschaft und Jagdgenossenschaft den schärfsten Einwand aus der Hand.
Was jetzt zählt
Der Blindsee Trail ist das beste Argument gegen die eigene Schließung. Eine Strecke, die seit über einem Jahrzehnt Gäste in die Region zieht, die ein Sommer-Aushängeschild ist und die, das ist jetzt belegt, mit dem richtigen Trägermodell gepflegt, entschärft und neu aufgesetzt werden kann, gehört nicht stillgelegt. Die Saison 2026 ist das ideale Fenster: die Bewährungssaison, in der sich zeigen kann, dass ein gut geführter Shared Trail mit klaren Regeln und einer mitziehenden Community funktioniert.
Wir bleiben an der Geschichte dran, lösungsorientiert, nicht als Schaulauf der Schuldzuweisungen. In zwei Sonderfolgen unseres Podcasts #MTBlife widmen wir uns ohnehin der Tiroler Zugspitz Arena; der Blindsee wird darin eine zentrale Rolle spielen. Unser Ziel ist nicht, eine Seite vorzuführen. Unser Ziel ist, dass am Ende dieser Geschichte kein gesperrter Trail steht, sondern ein Modell dafür, wie Wanderer und Biker miteinander auskommen. Das wäre ein Gewinn für die Region, für die Gäste und für den Sport.
Wenn du den Blindsee Trail kennst und liebst: Fahr ihn 2026 mit Respekt. Schiebe, wo es eng wird. Grüße, wo dir jemand begegnet. Jede rücksichtsvolle Abfahrt in dieser Saison ist ein kleines Stück Beweisführung und vielleicht das überzeugendste Argument dafür, dass dieser Trail eine Zukunft verdient hat.
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